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Vorwort
Plädoyer für eine Epoche Theis, Margit
Fünfzig Jahre Schweigen Henle, Ilse
NurDenOrt Glage, Benita
Januar 1945 Erinnerung Lange, Ika
Requiem Severus, Sibylle
Das mintgrüne Kostüm Brendeke, Florentine
Zwanzigster September Duchrow, Margitta
Düsseldorf nach dem Krieg Haas, Ursula
Jeden Tag stürmte Neues auf uns ein Mayr, Lilo
Tischgespräche nach dem Krieg Broska, Inge
Der Tod des Heinz Reeper Seidel, Katharina
Es geschah an einem Donnerstag Weißmann, Ingrid
Die Flucht in den Westen Spodeck-Walter, Rosvitha
Ausgrenzungen Turowski, Jutta
Glas Miller Waldner, Jutta
Wegen des Herzens Frenzel, Christel
Vera Riemann, Silke
Häutung Neumann, Ronnith
Bitten der Kinder Rühe, Birgit
Mein Erbe Galle, Anne
Protokoll: Entfraut Glufke, Christina
Einfach nur Frau sein Zaininger, Christiane
Ich habe abgetrieben Jüssen, Anne
Kurzer Lebenslauf Salzbrenner, Renate
Die Verhaftung Blazejewski, Carmen
Angst Kupfer, Rita
Frühstück in Franzensbad Linke, Barbe Maria
Volkslied Von der Dunk, Eva
Bleib sauber, Kousinchen Richter, Ute
Wer zu spät kommt Kondrat, Kristiane
Eine Berliner Geschichte Saxe, Cornelia
Für immer verloren Gintaut, Renate
Bärenfutter Zigan, Gisa Margarete
Abenteuer Deutschland Ueckert, Charlotte
Papa kommt bald Ahrens, Barbara
Kosovo Ostern Vestring, Ulrike
Vera ist müde Hübner, Inga
Wie eine Single-Frau auf den Beo kam... Bensberg, Gabriele |
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Zwanzigster September...
In Angst verließ Jutta das Haus. Die Straße war leer. Sie war erleichtert. Sie sollte zum Rathaus gehen. Dort gab es an manchen Tagen Lebensmittel. In ihrer kleinen Hand hatte sie einige Münzen, die letzten. Der Familienschatz. Jutta sang ein Lied. Beim Singen vergeht die Angst, das wußte sie aus Erfahrung. Sie rannte die breite Straße entlang. Einmal begegnete ihr eine alte Frau, die ein unförmiges Paket unter dem Arm schleppte. Ein russisches Militärauto fuhr vorbei. Jutta drückte sich in einen Hauseingang. Soldaten waren eine große Gefahr für Mädchen. Die Mutter sagte ihr nicht warum. Zehn Jahre war sie alt. Ihre Puppen waren in der Wohnung geblieben, aus der sie verjagt worden waren. Es gab keine Spielsachen mehr. Aber seit vorgestern besaß sie eine kleine Schwester. Sie hatte sich immer eine Schwester gewünscht. Seit sie geboren war, mußte die Mutter im Bett bleiben. Die Großmutter war alt, der Großvater verschleppt. Es war ganz still. Es wurde nicht mehr geschossen. Aber die Häuser brannten. Es war Friede, hieß es. Alle hatten Hunger. Wo der Vater war, ob er überhaupt noch lebte, wußte niemand. Manchmal weinte die Mutter, dann weinte sie mit. Meine Große, sagte dann die Mutter und strich ihr über das Haar. Jutta konnte sich nicht genau an früher erinnern. Als kein Krieg war. Als sie nicht hungerte. Sie hatte auch keine Kleider mehr und keine Freundinnen. Die Kleider waren ebenfalls in der Wohnung geblieben. Die anderen Mütter waren mit ihren Kindern weggegangen. Sie mußten bleiben wegen der kleinen Schwester. Zur Schule ging sie auch nicht, es gab keine Lehrer und nur wenige Schulkinder. Die Schulen waren zerstört. Sie erreichte das Rathaus. Auf dem Platz standen viele Menschen. Sie wußte nicht, wohin. Es waren fast nur Frauen. Alte, jüngere, und einige Kinder. Auch drei alte Männer. Am linken Tor des Rathauses sah sie eine Menschenschlange. Daneben standen die fremden Soldaten mit Maschinenpistolen. Sie schaute zu Boden, nur nicht auffallen. Stellte sich in der Schlange an. Es ging nicht vorwärts. Sie wurde weggeschubst, weil sie klein war. Da versuchte sie unter den Armen der Großen durchzuschlüpfen. Eine Frau schimpfte und zog an ihrem Ohr. Jutta wußte nicht, ob es Lebensmittel gab. Oder worauf die Menschen warteten. Sie versuchte noch einmal, sich durchzuschlängeln. Es mißlang. Eine ältere Frau packte sie am Arm und schrie freches Gör! Jutta fiel neben die Schlange. Als sie aufstand, bemerkte sie den Blick des Soldaten. Sie zupfte an ihrem Rock, der viel zu kurz war. Sie fühlte sich nackt. Mutter sagte immer, nun haben wir nur noch das nackte Leben. Jutta erschrak über das Lächeln des Soldaten, sie wollte sich in der Schlange verstecken. Niemand ließ sie hinein. Sie stand allein außerhalb. Der Soldat rief etwas. Es war eine fremde Sprache. Jutta verstand nichts. Er winkte ihr. Sie blieb stehen, drehte sich um, ob er sie meinte. Doch, er schaute sie an, nur sie. Er sah gar nicht zum Fürchten aus. Aber die Mutter hatte ihr verboten, mit Soldaten zu sprechen oder gar mit ihnen wegzugehen. Soldaten sind böse. Aber ihr Vater war doch auch Soldat. War er deshalb auch böse?... (Auszug aus Zwanzigster September)
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Fünfzig Jahre Schweigen
Donnerstag, den 24. Oktober 1996. Ich bin beim studentischen Literaturkreis zu einer Lesung eingeladen, sitze erwartungsvoll mit sechs angehenden Dichtern beiderlei Geschlechts im Musikraum der Mensa und höre dem ersten Lyriker zu. Sein Gedicht beginnt:
„Die Abendsonne in meinem Garten
sieht aus wie zerrissene Leber...“;
dann schreit die Sonne und die Wassertropfen auf der Leine sind
alle tot.
Der nächste, der vorliest, garniert ohne erkennbaren Zusammenhang seine Verse mit Wasserleichen:
„An der Biegung des Stromes
stauten sich die Leichen
es waren immer Kinderleichen...“
Wo kommen die her, was meint er damit? Soll ich ihn fragen?
Lieber nicht; die hier lesen, könnten alle meine Enkel sein, da können
leicht Mißverständnisse aufkommen; ich warte, vielleicht verstehe
ich sie ja doch noch.
Aber es geht so weiter, „wie eine ansteckende Krankheit“, denke ich. Ein selbstzweckhaftes Sich-Suhlen in Fäkalausdrücken und Abstrusitäten.
Ein stilles, schüchternes Mädchen meldet sich zu Wort. Vielleicht hat sie anderes zu sagen. Nein, sie liest lauter schreckliche, häßliche Phantasien vor; ein Satz ist mir noch in Erinnerung, „...der Selbstmörder wartet auf sie neben der Tanne, die er mit seiner linken Hand gefällt hat, aus der er eine Guillotine aufgebaut hat...“
Dann ist die Guillotine aber wieder weg, jetzt regnet es Ameisen.
„Wie alt sie wohl sein mag,“ denke ich, „und wie kommt sie auf diese grauenhaften Gedanken?“ Ich schätze sie auf 25. Dabei kommt mir mein 25. Geburtstag in den Sinn, der Tag, an dem mein erstes Kind starb. Wie immer wehre ich diesen Gedanken ab. Ich will dem Essay zuhören, den ein Mann jetzt vorliest, in dem es sich um eine Parkbank handelt, um Hundescheiße und einen Menschen, der weggeht.
„Laß ihn gehen“, denke ich resigniert und falle in meine Erinnerung an den Mai 1945 zurück, in dem ich 25 wurde und mein Kind elendiglich am Straßenrand in meinem Schoß verreckte. Oh, mir stehen auch solche Ekelwörter zur Verfügung“, denke ich, „ich könnte euch was erzählen über Kinderleichen, Hunger, Angst, Scheiße und zerrissene Lebern.“ Ich bekomme Herzklopfen und mache meinen halbgeöffneten Mund wieder zu. Ich kann jetzt nicht sprechen, kann aber auch nicht mehr zuhören. Hier sind für mich die Stichworte gefallen, die wie Zündstoff wirken und in einer Eruption das fünfzig Jahre Verdrängte ins Bewußtsein zurückschleudern.
Die letzten Monate des Krieges waren für uns die glücklichsten gewesen. Mein Mann Christian kurierte seine schwere Verwundung aus, und ich war zu ihm nach Prag gezogen, weg von der Rüstungsfabrik, weg von schlaflosen Nächten, heulenden Bomben, aufgerissenen Ruinen, um in Ruhe mein erstes Kind, unseren Michael, zur Welt zu bringen, den wir, als wir sahen, wie klein so ein Baby war, vorerst Micheli nannten. In den großen Namen sollte er erst hineinwachsen, unser Kleiner.
Fünf glückliche Monate lebten wir zusammen, dann wurde Christian wieder an die „Front“ geschickt, wo immer das im April 1945 sein mochte, nachdem die Amerikaner schon an der Elbe mit den Russen zusammengetroffen waren. Ich blieb mit Micheli allein zurück, aber man kümmerte sich um uns.
Am 8. Mai wurde ich mit Kind, Kinderwagen und einem großen Rucksack, mit 25 anderen Frauen und deren Nachwuchs in einen Wehrmachtsbus gesetzt; und in einem langen, schwerfälligen Treck von Fahrzeugen und Truppen, schön geordnet, zogen wir los. Wir hatten mit zwei bis drei Tagen gerechnet, die wir unterwegs sein würden, notfalls auch doppelt so lange. Soviel Proviant und Trokken-Kindernahrung hatten wir dabei, natürlich kein Wasser. An der Moldau bei Pisek staute sich die Kolonne; die Amerikaner ließen uns nicht über die Brücke ans Westufer, wir warteten Tage und Nächte, dann holten uns die Russen ein, nahmen uns unseren Bus weg; die schöne Ordnung löste sich auf, aus den Tagen wurden Wochen...
Wochenlang Hitze, Dreck, Fäkalien, Fliegen, Krankheit. Mein süßes Kind ein dürres, kotzendes, schreiendes, in Krämpfen zuckendes, dann nur noch röchelndes Etwas, das endlich starb. Das war am 22. Mai, an meinem 25. Geburtstag. Ich selbst im dritten Monat wieder schwanger, an Ruhr erkrankt und ständig scheißend im Straßengraben, den Treck im Auge, um den Anschluß nicht zu verlieren.
Ich habe später nie darüber gesprochen, es wollte auch keiner wissen. Dann die Nacht in der Scheune. Mehr als hundert Frauen mit ihren Kindern und ihrer sorgsam gehüteten letzten Habe. Der Einbruch der Russen, betrunkenes Gebrüll, Kommandos in fremder Sprache, der Aufschrei der hundert Frauen, der am weit entfernten Eingangstor begann, sich in einer riesigen Welle heranwälzte und sich brach an der hinteren Scheunenwand, an der wir enggedrängt lagen.
Seit dem Tod meines Kindes hatte ich nichts empfunden, keine Angst, keine Trauer, kaum Hunger oder Durst. Ich funktionierte mechanisch. Jetzt schrie ich mit, ohne Wissen und Wollen. Das Leben kam mit solcher Wucht in mich zurück, daß es mich körperlich überall stieß; ich fühlte mein Blut rauschen und erlebte, wie eine mörderische Wut mich überflutete.Es war stockfinster, ich tastete nach meiner Taschenlampe, nicht um Licht zu machen, oh nein. Ich zog mein Küchenmesser aus dem Brotbeutel und begann, die stumpf gewordene Klinge an dem Metall der Lampe zu wetzen. „Bist du verrückt?“ zischte die Frau neben mir, die genau merkte, was ich tat.
Ich hörte es kaum. Alle meine Nerven spürten das Näherkommen der Soldaten und ich fühlte mit grausigem Entsetzen eine nie gekannte Lust in mir aufsteigen, Mordlust, atemlos, den wilden Drang, gewaltsam in den Leib eines Mannes einzubrechen; dort, wo er weich und am verletzlichsten war, mein spitzes scharfes Messer in sein Fleisch zu stoßen.
Der Brand, der im Hauptgebäude des Gutes ausbrach, war die Ursache, daß die Soldaten von uns abließen und hinausrannten. Er hat mich davor bewahrt, zu morden. Aber seitdem wußte ich, wessen ich fähig war.
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