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Es gibt Ereignisse im Leben, die wir lieber vergessen würden. Aber haben wir das Recht dazu?
Appartement 102 war der Raum im Folterlager Omarska, Bosnien, in dem Jadranka Cigelj mit siebzehn weiteren Frauen 55 Tage gefangen gehalten wurde.Schonungslos offen und mit schmerzhaft geschärften Sinnen schildert sie das tägliche Leben und Überleben in einer entmenschlichten Wirklichkeit, in der Vergewaltigung und das Töten mit Messern und Fäusten, ausgeführt von ehemaligen Nachbarn und Kollegen, zum Alltag gehörten. Einem Alltag, regiert von Willkür und Gewalt, in dem die Angst als das einzig noch Verlässliche erscheint. Und sie erzählt vom trotzigen Kampf der Frauen an diesem Ort, in sich ein menschliches Antlitz zu bewahren. Denn es ist auch die wahre Geschichte zweier Menschen, die ihr ganzes Leben nach der Liebe suchten und die ihnen dort begegnet ist.
Ein bewegender Aufruf gegen Krieg und Menschrechtsverletzungen.
Die Autorin Jadranka Cigelj, 54, ist bosnische Kroatin, Rechtsanwältin, Politikerin und Menschenrechtsaktivistin, die am 14.Juni 1992 für fast 2 Monate im Konzentrationslager Omarska, dem berüchtigten von Serben errichteten Lager im bosnischen Krieg, eingekerkert wurde. Ungefähr 3000 Männer, meist bosnische Muslime, wurden in Omarska ermordet, dessen Kommandant, Željko Mejakić, wegen Kriegsverbrechen vor dem Tribunal in Den Haag angeklagt ist. Frau Cigelj war eine von 37 gefangenen Frauen in Omarska, fünf von ihnen wurden getötet. Sie lebt heute in Zagreb und ist Zeugin der Anklage in diesem Prozess.
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Jadranka Cigelj ist 1948 in Zagreb geboren und lebte seit 1955 in Prijedor. Das Jurastudium schloss sie in Sarajevo ab. Als Gymnasiastin erhielt sie mehrere Preise für Dichtungen und Prosa und hat als Studentin in der Redaktion der Lokalzeitung »Kozarski vjesnik« mitgearbeitet.
Nach Beendigung ihres Studiums arbeitete sie bis zu ihrer Festnahme am 14. Juni 1992 als Juristin in Prijedor. Nachdem sich westeuropäische Journalisten, vorrangig Roy Gutman, dank dessen Recherchen die Lager in Bosnien und Herzegowina entdeckt worden sind, für ihre Freilassung eingesetzt hatten, wurde sie am 03. August 1992 aus dem Lager Omarska entlassen.
Seit dem 29. September 1992 lebt sie in Zagreb, wo sie politisch und humanitär tätig ist. Im Projekt »Stimme der Opfer Stimme für die Opfer« hat sie von 1993 bis 1996 für die kroatische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) mehr als 15.000 Aussagen gesammelt und bearbeitet.
In mehr als 50 Fernseh- und Radiosendungen erzählte sie die Geschichte der Kriegsopfer und berichtete über deren Schicksal in Vorträgen vor europäischen und amerikanischen Parlamentariern. Für ihre humanitäre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt sie die Auszeichnung Ludovic Trarieux der französischen Rechtsanwaltskammer aus Bordeaux verliehen.
Im Oktober 1995 wurde sie von der österreichischen Tageszeitung »Der Standard« zur Person des Jahres ernannt und vom Generalsekretär der UNO, Kofi Annan, empfangen. 1998 ernannte sie die amerikanische Frauenzeitschrift »Ms« zu einer der sieben Frauen, die das Jahrhundert geprägt haben.
Jadranka Cigelj hat im Zuge der Anklage vor dem Den Haager Kriegsverbrecher- Tribunal gegen die Kommandanten des Konzentrationslagers Omarska ausgesagt. Sie ist eine der Zeuginnen dieses Gerichts.
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... Ich roch die Ausdünstungen nasser Unterhosen, die wir am Abend vorher auf den Metallrahmen der Fenster aufgehängt hatten. Wir wuschen sie jeden Abend in kaltem Wasser ohne Seife, um sie morgens noch nass wieder anzuziehen, uns damit tröstend, sie seien zumindest ein bisschen sauber.
Ich nahm den blauen Trainingsanzug meines Sohnes aus meinem Sack. Beim Anziehen sah ich die dunkelblauen Blutergüsse auf meinem Körper. Ich schämte mich, weil sie Zeugen meiner ersten Nacht an diesem Ort waren.
»Oh Gott, das hier ist ja wie ein Todeskarussell«, flüsterte Zlata.
Aus den Lautsprechern dröhnte Musik, die sich im ganzen Lager breitmachte. Die Schreie, die die Musik übertönten, materialisierten das Grauen in etwas Fassbares. Mit gesenkten Köpfen, wie befohlen, saßen wir auf unserem Heizkörper.Trotzdem konnten wir die Körper sehen, die am Fenster vorbeigetragen wurden. An diesem Morgen waren sie nicht in Decken gehüllt. Es gab keine mehr.
Todeskarussell!
Es gab keine bessere Beschreibung dieses Zustandes. Zlata hatte Recht. Wir waren alle auf einem Todeskarussell, auf dem die Sitze locker waren. Während die Musik mit ihrem höllischen Rhythmus diesen Ort brandmarkte, drehten wir uns wartend. Das Zahnrad drehte stöhnend, kreischend und singenddas Karussell und jede von uns konnte zusammen mit ihrem Sitz im namenlosen Feld verschwinden. So war das.
Ich verspürte eine Achtung für Zlata, die ich noch aus Studententagen kannte. Zlata war ein herausragendes Mitglied der sozialistischen Jugendorganisation gewesen, laut und aufdringlich, und in ihren Ansichten festgelegt. Sie war älter als ich und war als ewige Studentin Teil meiner ersten Studientage in Ljubljana. Sogar der Beruf, den sie für sich gewählt hatte, war nicht typisch für eine Frau ihrer Zeit. Sie studierte Maschinenbau und wir dachten, sie würde ihr Studium nie beenden. Sie schaffte aber ihr Diplom, heiratete und bekam zwei Kinder, um deren Schicksal sie sich jetzt sehr sorgte. Ihr inneres Wesen war von derbem Humor zugedeckt. Ihr jahrelang gepflegter Zynismus verspottete unsere aktive Teilnahme am Referendum.
»Weißt du Koka, ich war im Präsidium des Ausschusses für die Durchführung des Referendums. Und dort gibt es Serben, so viele du willst. Meine Schwester sitzt mit ihnen, sie machen Witze. Ich hatte keine Angst. Ich dachte, was können sie uns antun. Und siehst du, sie können. Meine Liebe, wir waren nicht sehr klug. Wie konnten wir nur glauben, dass diese Arschlöcher ein bürgerliches Bosnien zulassen würden!? Siehst du, du nd dein so berühmter Verstand und meine Rationalität sind in diesem Krieg verschwunden. Sie haben immer wieder gepredigt, es würde zu keinem Krieg kommen. Brüderlichkeit und Einigkeit. Blödsinn! Wir sind Kinder der Gitarre und sie? Das Gewehr auf die Schulter und los in die heilige Schlacht für das‚eigene Volk.. Ach, unser Verstand und unser Wissen über die serbische Mentalitätsind ärmlich. Vielleicht haben wir mit unserer Dummheit das alles auch verdient. Wer weiß? Vielleicht wird es ja nicht für immer sein, aber warden wir das erleben?«
Sie versteckte ihren tränengefüllten Blick und schämte sich des Gefühls, unsere Niederlage sei aus der Überzeugung hervorgegangen, die Gegner seien harmlos. Sie war eine Mutter auf einem Todeskarussell, die Angst hatte um ihre Kinder, die jetzt ohne Vater und Mutter schutzlos waren.
Ich blickte auf das Feld vor uns. Mehrere Körper lagen im nassen Gras. Der Regen floss über die liegenden Körper und ihre Kleidung sog die Nässe auf. An dem Matrosenhemd erkannte ich Miro. Gestern noch hatte er zu Mittag gegessen.
Ein zweiter Körper, gleich neben ihm. Der Regen fiel auf den eingefallenen Brustkorb und füllte den Pullover, in dem ich ihn in der Nacht gesehen hatte, als ich hinausgeführt wurde, mit Nässe. Das volle braune Haar, das aus dem nassen Gras zu wachsen schien, klebte auf der glatten Stirn. Es sah aus, als ob er ruhig schlafen würde. Der Tod hat die Spuren der Schmerzen ausgewischt.
Silvije. Silvo. Mein Freund, du hast es nicht geschafft.
Ich war am Boden zerstört.
Das ist nicht die Bergspitze, die du früher bestiegen hast, oder ist es die höchste Spitze, auf der du jemals warst? Tränen würgten mich. Ich war nicht vorbereitet auf den Tod eines Menschen, der mir so nahe stand.
Der Gedanke, dass es für ihn vielleicht die Rettung gewesen war, tröstete mich. Er hat sich von diesem Ort befreit, ohne dass der Ort ihn besiegt hätte. Der Frieden auf seinem Gesicht, das vom Regen gewaschen wurde, sagte noch viel mehr und ich spürte, wie die Angst aus mir wich.
Zum ersten Mal lächelte ich den Tod an. Biba lehnte ihren Kopf auf die gefalteten Hände. Ihr Gesicht war in eine Grimasse zwischen Tränen und Lachen verzerrt, als sie mit Zeigefinger und Mittelfinger das Viktoriazeichen machte. Es war der Sieg von Silvo, unser Sieg, nicht der Sieg unserer Peiniger.
Der Tod war unser Verbündeter, den wir in unseren Gebeten riefen, denn er bedeutete Freiheit und Fortgehen. Sie, die Folterer, blieben da mit ihren Gewehren, Messern und mit ihren Ängsten. Je weniger wir unsere Gefühle zeigten, desto mehr hatten sie Angst vor uns.
»Wir werden diesen Ort nie wieder verlassen! Siehst du, sie warnen uns nicht mehr, weil wir die Toten anschauen! Sie verstecken nichts mehr und es ist ihnen egal. Und weißt du warum? Weil es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann sie uns auch in dieses Gras werfen.«
Neugierig beobachteten wir das angekommene Polizeigefangenenauto und ich erinnerte mich an den bewölkten Nachmittag, als ich ankam und mein Fuß zum ersten Mal den harten Boden von Omarska berührte. ...
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