Appartement 102 - OMARSKA
Ein Zeitzeugnis


Jadranka Cigelj
Hrsg: IGFM, Deutsche Sektion e.V.

3. Auflage, 234 S.,
Kart.; ISBN 978-3-938580-11-0/ € 16,90 (D)
ISBN 978-3-938580-36-3/ € 9,90

In jedem Leben gibt es Ereignisse, die wir lieber vergessen würden. Aber haben wir das Recht dazu?

Diese Frage beschäftigte mich vier Jahre lang. Vier Jahre lang versuchte ich Krieg und KZ zu vergessen. Aber darf ich schweigen? Oder muss ich reden im Namen meiner Freunde, die irgendwo in unbekannten Massengräben verscharrt liegen und nicht mehr für sich selbst sprechen können?

So habe ich mich entschlossen, mein Leben im KZ Omarska aufzuschreiben. Drei Jahre hat es gebraucht, denn es war unendlich schwer, den ganzen Schmerz und die Erniedrigung noch einmal in der Erinnerung zu durchleben und oft war ich eifersüchtig auf meine toten Freunde, denn die wiederkehrenden Bilder waren wie ein neuer Terror. Ich schrieb dieses Buch im Namen der fünf Frauen, die dort starben: Mugbila BEŠIREVIĆ, Edna DAUTOVIĆ, Velida MAHMULJIN, Sadeta MEDUNJANIN, Hajra HODŽIĆ; im Namen meiner Freunde Silvije ŠARIĆ, Mato TADIC, Jozo MARAČIĆ, Zeljko SIKORA, Dr. SADIKOVIĆ, und im Namen der unzähligen mir unbekannten Opfer.

Die Schilderungen sind nur ein kleiner Ausschnitt der schrecklichen Wirklichkeit, denn manches habe ich nicht aufgeschrieben, weil es dafür keine Worte gibt und es nicht vorstellbar ist für Menschen, die nie einen Krieg erlebten.

So bedrückend es ist, diese Wahrheit zu lesen, bitte ich Sie doch, es zu tun. Denn das menschenverachtende System von Omarska steht beispielhaft für das, was wir Menschen uns antun, und nur, wenn uns das schier untragbare Leid, das dort geschehen ist, berühren kann, rückt in unser aller Bewusstsein, dass genau das gerade jetzt in diesem Moment an anderen Orten passiert.

So mag diese Tragödie dazu beitragen, die Achtung vor den Menschenrechten unverrückbar in das Zentrum unseres Denkens und Handelns zu stellen.

Jadranka Cigelj, Zagreb, März 2006

Jadranka Cigelj, bosnische Kroatin, Rechtsanwältin, Politikerin und Menschenrechtsaktivistin, wurde am 14. Juni 1992 für fast zwei Monate im Konzentrationslager Omarska eingekerkert, dem berüchtigten von Serben errichteten Lager im bosnischen Krieg. Der Raum im KZ Omarska, in dem sie mit siebzehn weiteren Frauen gefangen gehalten und gefoltert wurde, war „Appartement 102“.
Schonungslos offen schildert sie das tägliche Überleben in einer entmenschlichten Wirklichkeit, in der Folter, Vergewaltigung und das Töten mit Messern und Fäusten zum Alltag gehörten, ausgeführt von Menschen, die sie bis dahin als Nachbarn, Kollegen und Freunde kannte.
Ungefähr 3000 Männer, meist bosnische Muslime, wurden in Omarska ermordet, dessen Kommandant, Željko Mejakić, wegen Kriegsverbrechen vor dem Tribunal in Den Haag angeklagt ist. Frau Cigelj war eine von 37 gefangenen Frauen in Omarska, fünf von ihnen wurden getötet. Sie lebt heute in Zagreb und ist Zeugin der Anklage in diesem Prozess.

1948 in Zagreb geboren, lebte sie seit 1955 in Prijedor. Das Jurastudium schloss sie in Sarajevo ab. Als Gymnasiastin erhielt sie mehrere Preise für Dichtungen und Prosa und hat als Studentin in der Redaktion der Lokalzeitung »Kozarski vjesnik« mitgearbeitet.Nach Beendigung ihres Studiums arbeitete sie bis zu ihrer Festnahme am 14. Juni 1992 als Juristin in Prijedor. Nachdem sich westeuropäische Journalisten, vorrangig Roy Gutman, dank dessen Recherchen die Lager in Bosnien und Herzegowina entdeckt worden sind, für ihre Freilassung eingesetzt hatten, wurde sie am 03. August 1992 aus dem Lager Omarska entlassen. Seit dem 29. September 1992 lebt sie in Zagreb, wo sie politisch und humanitär tätig ist. Im Projekt »Stimme der Opfer – Stimme für die Opfer« hat sie von 1993 bis 1996 für die kroatische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) mehr als 15.000 Aussagen gesammelt und bearbeitet.

In mehr als 50 Fernseh- und Radiosendungen erzählte sie die Geschichte der Kriegsopfer und berichtete über deren Schicksal in Vorträgen vor europäischen und amerikanischen Parlamentariern. Für ihre humanitäre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt sie die Auszeichnung Ludovic Trarieux der französischen Rechtsanwaltskammer aus Bordeaux verliehen. Im Oktober 1995 wurde sie von der österreichischen Tageszeitung »Der Standard« zur Person des Jahres ernannt und vom Generalsekretär der UNO, Kofi Annan, empfangen. 1998 ernannte sie die amerikanische Frauenzeitschrift »Ms« zu einer der sieben Frauen, die das Jahrhundert geprägt haben.

  • Vorwort
  • Begleitwort der Autorin
  • Dienstag, 17.12.2002, Den Haag
  • Appartement 102
  • Epilog
Vorwort

Der Krieg in Bosnien-Herzegovina begann im April 1992. Nur acht Monate später hatten zwei Millionen Bosnier – in ihrer Mehrheit Muslime und Kroaten – ihre Heimat verlassen. Die serbische Strategie trachtete danach, durch eine ethnische Neuaufteilung des Territoriums der ehemaligen jugoslawischen Föderation einem möglichst großen und ethnisch möglichst homogenen großserbischen Staat Raum zu geben. Bis heute wird versucht, diese Kriegsursache zu leugnen, den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević und seine bosnisch-serbischen Mittäter zu entlasten und die Schuld an der Tragödie gleichermaßen zwischen Tätern und Opfern, Angegriffenen und Angreifern aufzuteilen. Aber wer verkennt, dass die Methoden, die Karadžić und Mladić anwendeten, ihren politischen Zielen entsprachen, verbaut sich den Weg zum Verständnis der bosnischen Tragödie. Die Verbrechen, die an der Zivilbevölkerung begangen wurden, begleiteten nicht einfach die serbische Kriegführung, sie machten ihr Wesen aus.

Jadranka Cigelj war eine Aktivistin der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) in der nordwestbosnischen Gemeinde Prijedor. Mit einem Anteil von weniger als sechs Prozent waren die Kroaten dort eine kleine Minderheit, die Bevölkerungsgruppen der Serben und der Muslime hielten einander in etwa die Waage. Prijedor wurde am 30. April 1992 von den bosnischen Serben eingenommen; wer nicht Serbe war, wurde gezwungen, ein weißes Armband zu tragen und war damit der Willkür und dem Terror ausgesetzt. Die Folge war, dass sich die Muslime und Kroaten in die Dörfer flüchteten, die nicht-serbische Enklaven darstellten. In einer zweiten Phase wurden diese Enklaven nach und nach mit Artillerie beschossen und eingenommen. Die Überlebenden wurden selektiert und in Konzentrationslager verbracht: die kriegsfähigen Männer in die Keramikfabrik Keraterm am Ortsrand von Prijedor, die Frauen in ein Schulgebäude in Trnopolje, die politischen, sozialen und intellektuellen Eliten der Muslime und der Kroaten, unter ihnen 37 Frauen, in das Bergwerksgelände Omarska, das etwa 20 Kilometer außerhalb von Prijedor liegt. Schwere physische und psychische Misshandlungen, Vergewaltigungen, Folter und Mord waren in diesen Lagern alltäglich.

Jadranka Cigelj beschreibt den Alltag in Omarska. Für Omarska gilt in Abwandlung, was über das Konzentrationslager gesagt wurde, das das kroatische Ustaša-Regime in Jasenovac während des Zweiten Weltkrieges betrieb: Es war ein Todeslager, in dem nicht industriell gemordet wurde, sondern in Handarbeit – mit Eisenstangen, Äxten, Messern, Pistolenschüssen. Die Anklageschrift gegen Željko Mejakić, den Kommandanten von Omarska, und seine vier Mitangeklagten vor dem Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen in Den Haag schätzt die Opferzahlen auf »mindestens Hunderte von Häftlingen, deren Identität zum Teil bekannt ist und zum Teil nicht.« Die Todesfabrik in Omarska war nur wenige Monate in Betrieb, zwischen Ende Mai und August 1992. Als die bosnische Regierung die Führung der bosnischen Serben beschuldigte, mehr als 90 Konzentrationslager eingerichtet zu haben, bestätigte der amerikanische Journalist Roy Gutman als Erster diesen Vorwurf mit seinen Recherchen. Unter starkem internationalen Druck wurden Keraterm und Omarska im August 1992 geschlossen. Die Überlebenden wurden in andere Lager gebracht und schließlich deportiert.

Identifizierung-Konzentrierung-Eliminierung/Deportation lautet das Schema, nach dem ethnische »Säuberungen« vorgenommen werden. Wie Misshandlung, Folter und Mord gehört auch sexuelle Gewalt seit jeher zu den Vertreibungsmethoden. Angst, Demütigung und Erniedrigung sollen den Wunsch abtöten, je wieder in die Heimat zurückzukehren. Massenvergewaltigung ist dabei weder neu noch ein spezifisch balkanisches Phänomen, sondern war immer schon Teil einer totalen, auf Vernichtung zielenden Kriegführung. Neu ist, dass eine Frau es wagt, so offen darüber zu berichten, wie Jadranka Cigelj es in ihrem Buch tut.

Deutschen Leserinnen und Lesern drängt sich der Vergleich mit der Anonyma auf, deren Tagebuchaufzeichnungen aus 1945 unter dem Titel »Eine Frau in Berlin« veröffentlicht wurden. Adriana Georgescu deutete in ihren Memoiren »In the Beginning Was the End« nur an, was sie als junge Frau nach dem Kriegsende in einem kommunistischen Gefängnis in Rumänien erlitten hat. Doch in Berlin wie in Bukarest ging die Gewalt von Fremdherrschaft aus, Deutschland war besetzt und in Rumänien waren die Kommunisten nicht mehr als eine kriminelle Sekte, die ihre Macht ausschließlich den russischen Besatzern verdankte. Cigelj und ihren Mitgefangenen in Omarska hingegen waren einige ihrer Wärter und Peiniger bekannt, Serben aus der Gegend von Prijedor, ehemalige Schul- oder Arbeitskollegen. Von einem Tag auf den anderen hatte sich der jugoslawische Alltag in einen Albtraum verwandelt.

Kurz bevor die Nachricht vom Tod Slobodan Miloševićs alle anderen Meldungen aus dem ehemaligen Jugoslawien verdrängte, berichtete die Nachrichtenagentur Hina aus Zagreb, dass seit dem Ende des Krieges immer noch 1.140 Kroaten von ihren Angehörigen vermisst werden – 1.140 Einzelschicksale, ähnlich jenen der Häftlinge von Omarska, die von der Weltöffentlichkeit, wenn überhaupt, nur noch als statistische Größe wahrgenommen werden. »Ich weiß, dass ich die Wahrheit nicht kenne«, sagte Peter Handke in selbstgefälliger Pose der Bescheidenheit beim Begräbnis Miloševićs, als ob dies seine Anwesenheit gerechtfertigt hätte. Jadranka Cigelj beschreibt die Folgen der serbischen Aggression. Wer die Wahrheit erfahren möchte, muss sich der Lektüre ihres Buches stellen, so schwer dies auch fallen mag.

Karl-Peter Schwarz, Buzet (Kroatien), 27. März 2006 "reinlesen"