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Das verqueere Begehren
Sind zwei Geschlechter genug?
Christa Spannbauer
Kart.;156 Seiten
ISBN 978-3-9805677-5-6/ € 9,90
Leseprobe (PDF)
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Die neue Geschlechterforschung stellt alles in Frage, was wir bisher über Männer und Frauen zu wissen glaubten. Nicht der Unterschied der Geschlechter, sondern vielmehr wie dieser erzeugt wird, steht im Mittelpunkt. Erstaunliche Erkenntnisse über die Vielfalt der Geschlechter und wie sie gemacht werden liefert die ethnologische und historische Forschung. Kritische Männerforschung untersucht die Mechanismen und Strategien, deren sich Männer zur Sicherung der Macht bedienen und zeigt auf, welche massiven Ängste der männerdominierten Kultur zugrundeliegen. Mit der Auflösung der Geschlechter durch andere Lebensentwürfe und -formen erschüttert die Queer Theory als eine der innovativsten und gesellschafts-kritischsten Denkströmungen der Gegenwart unser kulturelles Selbstverständnis.
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Inhaltsverzeichnis |
I. Die Geschichte(n) der Geschlechter Einblicke in die historische Geschlechterforschung
æ Die Lehre vom einen Geschlecht
æ Aus eins mach’ zwei:
Die Entstehung des Zwei-Geschlechter-Modells
æ Die Polarisierung der Geschlechter
æ Der brüderlich-bürgerlicher Aufstieg zur Macht
æ Die Hysterisierung des weiblichen Körpers
æ Die Entdeckung der perversen Lust
II. Die Vielfalt der Geschlechter Von der Erforschung fremder Kulturen
æ Die Vielfalt von Frau + Mann-Sein
æ Die männliche Herrschaft ein Mythos?
æ Die Macht der Frauen
æ Sind zwei Geschlechter genug?
æ Weibliche Ehemänner und männliche Töchter
æ Die indischen Hijras
æ Das dritte Geschlecht des Berdache
æ Und was hat das alles mit uns zu tun?
II. Wie Geschlechter gemacht werden Judith Butler und der konstruktivistische Feminismus
æ 30 Jahre Frauenbewegung ein Rückblick
æ Ein folgenreicher Umbruch
æ Wer hat Angst vor Judith Butler?
æ Entweder-Oder: Die Zweiteilung der Geschlechter
æ Wie Unterschiede erzeugt werden
æ Der Körper als Produkt der Sprache
æ Das Verwirrspiel
IV. Männer entdecken ihr Geschlecht Über die Entstehung einer kritischen Männerforschung
æ Neue Männer unter alten Hüten?
æ Wie Jungen zu Männern gemacht werden
æ Die Suche nach dem Wilden Mann
æ Die profeministische Männerbewegung
æ Vielfältige Männlichkeiten
æ MännerHerrschaft, MännerMacht und MännerAngst
V. Die Auflösung der Geschlechter? Queer Theory
æ Verque(e)res Begehren
æ Die Entstehung einer Queer Nation
æ Que(e)rLesen
æ Queere neue Welt
æ Grenzüberschreitungen, Grenzauflösungen
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Auszug |
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Wend' das der Frau nach draußen, nach drinnen gleichsam,
und gefaltet zweimal das des Mannes, und finden wirst du
gänzlich Gleiches bei den beiden. (Galen von Pergamon, 130 200)
Die für uns heute als selbstverständlich und natürlich geltende Vorstellung von zwei biologisch verschiedenen Geschlechtern zeigt sich aus historischer Sicht als ein sehr junges Phänomen, das erst im 18. Jahrhundert mit dem Aufstieg des Bürgertums entwickelt und durchgesetzt wurde. Bis dahin hatte es über Jahrtausende hinweg als Allerweltsweisheit gegolten, dass Frauen und Männer über die gleichen Genitalien verfügten, nur einmal nach außen und einmal nach innen gestülpt. Von dem Historiker Thomas Laqueur, der sich in seiner Studie Auf den Leib geschrieben der Rekonstruktion anatomisch-philosophischer Geschlechterentwürfe von der Antike bis zur Moderne widmete, wurde diese Sichtweise als das Ein-Geschlechter-Modell benannt. Diesem Modell zufolge gab es nur ein anatomisches Geschlecht, dessen perfektes Exemplar nach der Geburt als männlich und dessen weniger vollkommenes Exemplar als weiblich eingestuft wurde. Gemäß der bis ins 18. Jahr-hundert geltenden Lehre von Aristoteles, derzufolge die Stufen der menschlichen Entwicklung vom Kind über die Frau zum erwachsenen Mann führten, wurde der Mann als das Maß des Menschen erachtet. Die Annahme von einer grundsätzlichen Ähnlichkeit, wenn auch unterschiedlichen Vollkommenheit von Frau und Mann, spiegelte sich in der Betrachtungsweise der geschlechtlichen Körper wider. Frauen galten als nach innen gekehrte und somit unvollkommene Männer. In dieser Denkweise wurde die Vagina als der innere Penis der Frau, der Uterus als Hodensack und die Eierstöcke als weibliche Hoden wahrgenommen. Die führenden Mediziner und Anatomen von der Antike bis zur Renaissance bestätigten die Annahme von einem weiblichen Penis, dessen Existenz in vielen Anatomiebüchern zeichnerisch niedergelegt wurde.
Selbst als im 16. Jahrhundert das Sezieren von Leichen einsetzte, vermochte die Wissenschaft, zutiefst geprägt vom Weltbild ihrer Zeit, nur das im Inneren der Körper zu sehen, was seit Jahrtausenden als bereits bekannt galt. An dem Wissensstand, der gemäß der Lehre von Aristoteles und Galen von einem einzigen Leib ausging, dessen vollkommene Variante der männliche Körper darstellte, änderte sich nichts. Die Ursachen für die Perfektion des männlichen Körpers wurde von Galen in der größeren Hitze des männlichen Körpers erblickt:
Nun, gerade so wie die Menschheit das Vollkommenste unter allen Tieren ist, so ist innerhalb der Menschheit der Mann vollkommener als die Frau, und der Grund für seine Vollkommenheit liegt an seinem Mehr an Hitze, denn Hitze ist der Natur wichtigstes Werkzeug.
Aufgrund der größeren Hitze und der stärkeren Verbrennungsleistung galt der Mann als vitaler und aktiver und es bestand die Annahme, dass er nicht nur über mehr Körperkraft, sondern auch über einen wacheren Geist verfügte als die Frau. Die Lehre von den Körperflüssigkeiten, die bis ins 18. Jahrhundert Geltung hatte, kündet jedoch davon, wie ähnlich sich die Körper von Mann und Frau im Ein-Geschlechter-Modell waren. Derzufolge waren weder Menstruationsblut, noch Milch oder Samen Flüssigkeiten, die ausschließlich einem der beiden Geschlechter zugehörig waren. Das Körperinnere, das nicht nur dem Auge des Laien, sondern auch dem des Mediziners verschlossen war, galt als ein rätselhafter Ort beständiger Metamorphosen und eines stetigen Fließens, wobei sich die unterschiedlichsten Körperflüssigkeiten unablässig ineinander verwandeln konnten...
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Weibliche Ehemänner und männliche Töchter
Nein, ich trage keine Lasten auf meinem Kopf. Das ist die
Aufgabe von Frauen und hat mit mir nichts zu tun. Ich wurde
zum Mann und nun bin ich ein Mann. Wieso also sollte ich
noch Frauenarbeit verrichten? (Taptuwei, ein weiblicher
Ehemann des Volkes der Nandi)
In über 40 Ethnien in Afrika erhalten ältere Frauen, Witwen und kinderlos gebliebene Frauen die Möglichkeit, eine andere Frau zu heiraten. Die Gynaegamie ist eine sozial anerkannte, vertraglich geregelte Zweckgemeinschaft zwischen zwei oder mehreren Frauen, die mit dem Ziel eingegangen wird, eine Familie zu gründen und legale Nachkommen hervorzubringen. Sie ermöglicht kinderlos gebliebenen Frauen die Gründung einer Familie, wodurch sich ihr Wohlstand mehrt und ihr gesellschaftliches Ansehen wächst. Häufig entstammen die älteren Frauen einer hohen sozialen Schicht, sind wohlhabend und haben wichtige politische Funktionen inne. In einigen Gesellschaften lehnen diese Frauen die Heirat mit einem Mann mit dem Argument ab, dass Männer ihnen nicht ebenbürtig seien. Indem sie durch ihre Heirat mit einer Frau eigene Nachkommen erhalten, festigen und erhöhen sie ihre gesellschaftliche Position. Die Kinder, die die jüngeren Frauen in die Ehe einbringen oder während dieser bekommen, gelten als legale Erben der älteren Frau, auf die der männliche Erzeuger keinerlei Rechtsanspruch hat.
Während in einigen afrikanischen Kulturen mit der Hochzeit keine Veränderung der Geschlechtszugehörigkeit einhergeht, bringt die Heirat bei den Nandi in Kenia, bei den Shilluk und Nuer im Sudan ebenso wie bei den Lovedus in Südafrika einen Geschlechtswechsel für die ältere Frau mit sich. Durch das Entrichten des Brautpreises für eine andere Frau wird sie mit allen Rechten und Pflichten offiziell zum Mann erklärt. Innerhalb dieser Lebensgemeinschaft wird sie/ er fortan die Arbeiten und Aufgaben übernehmen, die einem Mann zukommen und sie/ er erhält all die Rechte und Privilegien, die Männern vorbehalten sind: der Besitz von Land und Vieh sowie die alleinige Verfügungsgewalt über Frau und Kinder. Von der Familie wird sie / er als Ehemann und Vater behandelt und der Respekt entgegengebracht, der dem männlichen Familienoberhaupt zusteht.
In diesen afrikanischen Kulturen stellt nicht die biologische Differenzierung zwischen den Geschlechtern die Grundvoraussetzung für die Heirat zweier Menschen dar. Als ausschlaggebend wird vielmehr erachtet, dass die ältere Frau über den finanziellen Wohlstand verfügt, um den Brautpreis zu entrichten, und dass sie dazu in der Lage ist, die gesellschaftlichen Aufgaben eines Mannes zu erfüllen. Nicht dem Geschlecht, sondern dem Alter kommt in dieser Form der Partnerschaft der ausschlaggebende Differenzfaktor zu, der über Macht- und Hierarchieverteilung zwischen den beiden Eheleuten entscheidet.
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Und was hat das alles mit uns zu tun?
Ethnologische und historische Geschlechterforschung belegen die kulturelle Vielfalt der Geschlechterentwürfe und die unablässige Veränderung der Definitionen dessen, was Frauen und Männer sind und welche Aufgaben sie in ihrer jeweiligen Gesellschaft zu erfüllen haben.
Alles, was über Männer und Frauen gesagt werden kann, zeigt sich damit immer schon in einen kulturellen und geschichtlichen Wissenshorizont eingebunden. Was wissen wir über Frauen und Männer bislang anderes, als dass sie die Akteure und Zeugen ihrer jeweiligen Geschichte und Kultur sind? Können wir angesichts der Vielfalt der unterschiedlichsten Geschlechterentwürfe noch länger von einer »Natur des Menschen« sprechen? Machen die historischen und ethnographischen Forschungsergebnisse nicht vielmehr ein grundlegendes Umdenken erforderlich? Muss die Geschlechterordnung der westlichen Moderne, die bis heute von ihrer bürgerlich-patriarchalen Entstehungsgeschichte überschattet wird, nicht von Grund auf neu überdacht werden?
Jede Theorie, die auf Gesellschaftsveränderung abzielt, muss sich auch mit den folgenden Fragen auseinandersetzen: Wie können die seit Jahrhunderten befestigen Geschlechterstereotypen in unserer Gesellschaft aufgelöst werden, so dass sie nicht länger unser Alltagsdenken und -handeln prägen und bestimmen? Wie kann die Hierarchie zwischen Männern und Frauen außer Kraft gesetzt und damit die Dominanz von Männern und die Unterordnung von Frauen beseitigt werden? Muss hierfür nicht notwendigerweise unsere dualistische Geschlechterordnung aufgelöst werden? Inwieweit kann diese Geschlechterordnung in der Postmoderne, in der immer mehr Menschen nach neuen Wegen suchen und sich zunehmend zwischen oder außerhalb dieser Geschlechterpolarität verorten, überhaupt noch Gültigkeit einfordern?
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Die Autorin Christa Spannbauer (M.A.) studierte Anglistik und Germanistik in Würzburg und Dublin mit Studienschwer-punkt in Geschlechterforschung und feministischer Theorie. In ihrer Arbeit setzt sie sich insbesondere mit der Konstruktion von Männlichkeit und der aktuellen Kritischen Männerforschung auseinander. |
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