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Hier geht es um existenzielle Leidenszustände. Sie bedürfen existenzieller Antworten im
- ERKENNEN - TRAGEN - HALTEN - TRÖSTEN
Existenzielle Antworten setzen voraus, dass die durch Leiden angesprochenen Menschen mit ihrem eigenen Wesen etwas vom Wesen ihres leidenden Gegenübers erfassen. Dadurch entsteht ein Beziehungsraum, in dem sich existenzielle Leidenszustände mitteilen können. Erkennen und Erkanntwerden im Wesen und Wesentlichen rührt an größere Zusammenhänge, auch im Leiden. Es lässt den großen Musiker erahnen.
- Das Erkanntwerden ist existenzielle Antwort im Leiden.
Getragenwerden ist die grundlegende Vertrauenserfahrung des Menschen, der seine ersten Monate im Mutterleib verbringt.
- Das Getragenwerden ist existenzielle Antwort im Leiden.
Gehaltensein ist die Erfahrung der Anwesenheit eines behütenden und berührenden Du.
- Das Gehaltensein ist existenzielle Antwort im Leiden.
Getröstetsein ist das Geschenk unerwarteter Labsal und Aufrichtung.
- Solches Getröstetsein ist existenzielle Antwort im Leiden.
In einem Beziehungsraum, der durch die Anwesenheit zweier existentiell angesprochener Menschen, die in den folgenden Ausschnitten aus der Reflexion der Autorinnen »D« und »B« genannt werden, entsteht, werden berufliche und soziale Rollen im wechselseitigen Dialog für Augenblicke fühlbarer Teil eines größeren mit-menschlichen Ganzen.
» ... Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und welcher Geiger hat uns in der Hand? ... « aus LIEBES-LIED (Rilke, R. M.)
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Das Empfinden tiefer Scham
... Eine Krebserkrankung trifft den Menschen am Grunde seiner Existenz, dort wo er mit sich allein ist. Sie trifft ihn im »Zellkern« und bedroht seine Gestalt und sein Leben. Die Erfahrung, verletzbar und verwundbar geworden zu sein, beschämt den Menschen.Scham bedeutet das Empfinden, in dem, was sich zeigt, nicht sein zu dürfen. Je wesentlicher oder schandbarer das, was versteckt bleiben muss, für die betroffene Person ist, desto starker wirkt dieser existenzielle Gefühlszustand lebensvernichtend und existenzbedrohend.
Durch die eigenen Bewertungen des Widerfahrenen und die Bewertungen der anderen beginnt ein Prozess der Entfremdung. Der Betroffene sieht sich selbst plötzlich anders als zuvor und wird auch von der Außenwelt als Anderer wahrgenommen: der gewohnte identitätserhaltende Blick geht verloren und droht durch Unberechenbares ersetzt zu werden.
Der, der sich schämt, erlebt sich ausgeliefert und ist sich selbst fremd. Das Gefühl des Ausgeliefertseins kann die Form tiefen Schuldseins annehmen. Diese Art des Schuldempfindens kann nicht moralisch erfasst und beseitigt werden. Es ist eine archaische Antwort auf den Verlust von Zugehörigkeit. Die gewohnte Resonanz durch Mitmenschen und sich selbst fällt in wesentlichen Bereichen weg und eröffnet ein Selbstbewusstseinsvakuum: derselbe innere Ort des Alleinseins, der bisher Zuflucht und Versteck war, bietet keinerlei Schutz mehr.
Scham kann im seelischen Erleben dem entsprechen, was wir auf der körperlichen Ebene Verletzung nennen. Scham macht deutlich,dass der Wesenskern getroffen ist. Von kleinem Verschämtsein ist hier nicht die Rede.
Im existenziellen Gefühlszustand der Scham ist es kaum möglich, sich auf tiefen Blickkontakt einzulassen. Die Not des Versteckens bedingt weitere Isolation und weiteres Leiden. Krebsgetroffene spiegeln uns gerade im Gefühlszustand der Scham unsere tödliche Verwundbarkeit wider.Demgemäß zeigt das körperliche Erscheinungsbild Gesten des Versteckens. Auch die Stimme entfaltet sich nicht recht. Der Luft-und Raumverbrauch ist gering. Der sich Schämende ist atmosphärisch schwer zu orten.
Für das einfühlsame Gegenüber ist dieser Zustand ansteckend,er führt zu einer Verhaltenheit in Wort und Gebärden. Auch rumpelndes und polterndes Betragen kann eine reflektorische Antwort sein. Hilfreich ist ein »absichtsloses« Gegenüber, das um die Abgründe der menschlichen Seele weiß und sich in der leiblichen Erfahrung des Geatmetwerdens immer von Neuem verankert. Die daraus erwachsenden Worte und Gebärden sowie die innerlich bewegte Präsenz ermutigen den Betroffenen zur Eigenresonanz, das heißt, erneut mit sich in Kontakt zu treten. Die Begegnung mit einem Mitmenschen, der den Leidenden aufnimmt und annimmt, so wie er ist und mit dem, was sich zeigt, wird zur notwendigen Voraussetzung, sich in der leidvollen Erfahrung zunächst einmal ansatzweise zu bejahen.
Dazu ein Ausschnitt aus der Reflexion der Autorinnen:
Herr B., 52, leidet an metastasierendem Prostatakrebs. Er hat spät geheiratet. Seine Kinder sind noch klein und seine Frau wesentlich jünger als er. Vor wenigen Tagen erhielt er den Bescheid, dass er ab jetzt nicht mehr im Krankenstand ist, sondern Invaliditätspension bezieht.
D.: Die neuerliche Veränderung der Lebenssituation macht Herrn B.sehr zu schaffen. Er hatte sich bisher stark mit seinem Beruf identifiziert und war voller Einsatz. Die Suizidgedanken, die immer wieder kommen, bis hin zu technischen Details, was er tun würde, kamen im gestrigen Gespräch zutage. Wir sind dem nachgegangen und haben herausgefunden, dass er sich übrig fühlt und schuldig, auch weil er nichts mehr leisten und seiner Frau »kein rechter Mann« mehr sein kann.
B.: Tatsächlich betrifft ganz wenig davon die Beziehung zu seiner Frau und dass er ihr etwas schuldig geblieben wäre. Das sind Dinge, über die sie reden können. Aber das, was an ihm außerdem nagt und frisst und ihn zum Selbstmord treibt auch wenn diese Impulse nicht unausweichlich sind das ist unter anderem eine Scham. Es kommt aus dem Bild einer familiären Delegation, möglicherweise über mehrere Generationen, dass er etwas leisten muss und Leistung, um nicht zu sagen sehr gute Leistung, nicht schuldig bleiben darf. Das hat er übernommen und muss jetzt in der Krankheit daran scheitern. Diese Not ist mit Scham besetzt und mit ihr warden bloßgestellte Nöte der Eltern und Ahnen wach. Sein persönlicher Wesenskern ist unterdrückt.
Eine Hilfe für ihn wäre, sich an seine unverwechselbare Eigenschwingung, seinen lebendigen Wesenskern, zu erinnern. In dem Augenblick, in dem er diese Eigenschwingung spürt oder zumindest für möglich hält, kann er den Vorfahren das ihre lassen. Die Erfahrung seines lebendigen Wesenskerns vermittelt ihm, dass auch seine Eltern und Ahnen einen solchen haben. Dem beschriebenen Geschehen liegt möglicherweise etwas Allgemeines zugrunde, nämlich dass eine Aktivierung der Eigenschwingung, des lebendigen Wesenskerns, existenzielle Scham mindert. Dies hilft manchen Menschen beim Umgang mit Krebs und seinen Folgen.
D.: Ich würde gerne noch bei dieser »Eigenschwingung« bleiben. Mich beschäftigt, woran ich merke, dass ich »ausreichend eigenschwinge «.
B.: Dass ich ruhig die Augen öffnen und andere unverstellt anschauen kann, die Augen zumachen und mich mit mir wohl fühlen, dass mir mein Name, wenn ich ihn höre, als unverwechselbarer Klang erfahrbar wird, das heißt, ich höre den Namen, und gleichzeitig hat er keine Buchstaben und ist nicht mehr musikalisch beschreibbar, obwohl es ein Klang ist. Er breitet sich in mir aus und ist behaglich.Leiblich empfinde ich ein Zentrum, das so klar ist, dass ich es auf den Millimeter genau beschreiben und trotzdem nicht örtlich festmachen kann, das überall sein kann. ...
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