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Der Film Noir der 40er und 50er Jahre
Mit Beginn der vierziger Jahre entsteht der Film Noir - das Dark Cinema beziehungsweise die Schwarze Serie des Hollywoodfilms - der auch in Europa seine Entsprechung findet. Bei diesen Werken handelt es sich um "stimmungsvolle, dunkle, harte, zynische, unruhige, pessimistische Filme der Großstadt, die in New York, San Francisco oder auch Mexiko und Südamerika spielen.“ Die düstere, negative Atmosphäre dieser in schwarzweiß gehaltenen Werke wird unter anderem durch die äußerst sparsamen und kontrastreichen, expressionistischen Einstellungen geschaffen, in deren einzelnen Bildausschnitten häufig mit abgedunkelten Bereichen gearbeitet wird. Der Einsatz von Schatten, Silhouetten und Spiegelreflexionen spielt eine wichtige Rolle entsprechend der zynisch-pessimistischen Grundhaltung. Als Vorlage für die Story dienen meist Detektivromane bekannter Autoren wie Raymond Chandler, James M. Cain, Mickey Spillane oder Dashiell Hammett, in denen "Helden und gefährliche Sexsirenen in einer dekadenten, mißtrauischen Welt" agieren, "in der die soziale Ordnung durcheinander geraten und die Stimmung hoffnungslos dissonant und entfremdet ist." (S.10) Als erster Film dieses Genres gilt gemeinhin Die Spur des Falken (The Maltese Falcon, John Huston) aus dem Jahre 1941 mit Mary Astor als verlogene Brigid O'Shaugnessy und Humphrey Bogart als Detektiv Sam Spade.
Der Film Noir als Antithese zum American Dream führt den Typus des einsamen Antihelden vor, den Detektiv oder Verbrecher, der das Opfer eines willkürlichen Schicksals ist und dem die Erfüllung ökonomischen und privaten Glücks misslingt. Die Frauen, die meist eine der Hauptrollen besetzen, spielen hier eine ganz andere Rolle.
Die Protagonistinnen, deren Intrigen die Filmhandlung wesentlich mitbestimmen, agieren ausgesprochen selbstbewusst und skrupellos innerhalb der kriminellen Welt der Männer. Genau wie diese streben sie nach Geld, Macht und Freiheit. Mit einer häufig maskenhaften Mimik, mit monotonen Stimmen und einer knappen, scharfen Sprache voller Ironie, Wortspiele und oneliners gehen die Protagonistinnen ihren Geschäften nach. Ihre Ziele verfolgen sie mit hemmungsloser Härte und Hinterlist, nicht selten indem sie morden. In der Regel werden sie als narzisstische Einzelkämpferinnen ohne jegliche emotionale Bindungen dargestellt, unmoralisch, asozial, voller Verachtung für Ehe und Familie. Haben sie Kinder, so werden sie als schlechte Mütter charakterisiert, sind sie verheiratet, dann meist nur unwillig mit einem lästigen, ungeliebten Ehemann. Die Frauen sind es, die einem emotional unbefriedigenden und monotonen Eheleben zu entkommen suchen, während ihre Männer auf die Rolle des impotenten, passiven Opfers oder groben Sadisten festgelegt sind.
"In der Sekunde, in der sie auftreten, dominieren sie die Handlung und diktieren die Stimmung, weil ihr Körper, ihre Sexualität und ihre Sinnlichkeit im Mittelpunkt stehen und die Kamera ihren Bewegungen folgt, wie durch die Augen des sie beobachtenden Helden." (S.11) Sex ist oft tödlich; Romantik und Liebe zwischen den Geschlechtern existiert hier kaum, ihre Darstellung geht in der Regel einher mit der Beschreibung eines pathologischen Ausmaßes an Eifersucht und Besitzanspruch.
Die Faszination, die von der Noir-Frau ausgeht, wird durch die Bildkomposition unterstrichen, denn häufig dominiert sie die Einstellung, "indem sie in der Bildmitte und/oder im Bildvordergrund platziert ist, oder sie zieht die Bildschärfe mit sich in den Hintergrund." (S.10)
Diese Heldinnen werden insbesondere von den Schauspielerinnen Barbra Stanwyck, Joan Crawford, Lauren Bacall und Bette Davis, aber auch von Gene Tierney und Jane Greer verkörpert. Für viele stellt Billy Wilders Film Frau ohne Gewissen (Double Indemnity, 1944) das Meisterwerk des Film Noir da: Hier geht es, mit Barbra Stanwyck als Hausfrau Phyllis Dietrichson in der Hauptrolle, um Ehebruch, Mord und Versicherungsbetrug. In Gilda zieht Rita Hayworth 1946 unter der Regie von Charles Vidor ihre langen Handschuhe aus und bringt allein dadurch diverse Männer dazu, sich gegenseitig umzubringen. In Laura von Otto Preminger verfolgt Gene Tierney 1944 einen Detektiven und in Fritz Langs pessimistischen, zynischen Filmen Straße der Versuchung (Scarlet Street, 1945) und Gefährliche Begegnung (The Woman in the Window, 1944) gerät der brave, freudlose Bürger und Angestellte mittleren Alters in die Fänge einer verlogenen Frau. In Die Killer (The Killers, 1946) wiederum verfällt der Boxer Swede der singenden Ava Gardner und beginnt für sie zu lügen, zu stehlen und zu töten, bis er schließlich von ihr verlassen wird.
Allerdings wird in der feministischen Filmkritik darauf hingewiesen, dass auch der Film Noir keine durchgängige Darstellung starker selbstbewusster Frauen bietet. Häufig erfährt der Entwurf ihrer Selbständigkeit bereits im Laufe der Filmhandlung unter anderem durch den im Film Noir gängigen voice-over-Effekt eine Relativierung: Eine Männerstimme aus dem Off kündigt die Geschehnisse an, kommentiert sie, fungiert als Zensor, der die Personen vorstellt. Dadurch wird "[d]ie Frau (...) ihrer eigenen Stimme und der Selbstinterpretation beraubt, ihr haftet ein bruchstückartiges Image ohne Komplexität an." (S.12)
In einigen der Films Noirs wird der amoralischen Frau auch die Reine und Gute gegenübergestellt, die Ehefrau oder Verlobte, die keinen Zugang zu ihrer Sexualität zu haben scheint, "aber die Mutter oder Jungfrau mit Werten und Tugenden symbolisiert" (S.109); so in Edward Dmytryks Murder, my Sweet (Farewell, My Lovely, 1944) oder in John M. Stahls Todsünde (Leave her to Heaven, 1946).
Spiegelt das Dark Cinema einerseits den veränderten Status der Frauen während des Zweiten Weltkrieges wieder, so zeigt sich hier andererseits die Angst der Männer vor der Einschränkung ihrer eigenen Dominanz und Machtposition: "Die kriegsbedingte Selbständigkeit der Frauen weckte auch die Furcht vor der weiblichen Sexualität als einer frei flottierenden, bedrohlichen Macht.“ So sind die Protagonistinnen entgegen der realen damaligen gesellschaftlichen Situation in der Regel nicht berufstätig, sondern stattdessen überwiegend mit ihrer sexuellen Lust beschäftigt ...
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