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Außer Sichtweite der Fundstelle regt sich das Gewissen. Wenn das der Bundespräsident wüsste, dass diese Kleinodien der Straße übergeben wurden! Hätten wir vielleicht doch nicht? Nun gut! Per Handy rufen wir Eugene Ionesco an. Nach fünfmaligem Klingeln kommt die Ansage: Hier spricht die Anrufmaschine der Erbengemeinschaft. Geben Sie Ihre Nachricht bitte nach dem Piep-Ton durch!
Ja hallo Paris! Hier wir in Berlin! Wir schätzen Ionescos absurdes Drama sehr. Sind bereit, weitere Stühle für seinen Einakter DIE STÜHLE zu liefern. Gerade gefunden an prägnanter historischer Stelle! Bitte rufen Sie innerhalb der nächsten Minuten zurück.
Die tragische Farce (Uraufführung 1952, Paris) von Ionesco rankt sich um zwei greise Eheleute, die im letzten Stadium des Verfalls ihre Träume in die Wirklichkeit heben. Abgeschnitten von aller Welt empfangen sie auf immer neu herbeigeschleppten Stühlen Bekannte, Prominente und Majestäten. Sie sind nur ihnen sichtbar und nur durch sie für die Zuschauer da. Gefragt nach dem Sinn dieses Theaterstückes soll Ionesco geantwortet haben: Die Welt erscheint mir mitunter leer von Begriffen und das Wirkliche unwirklich. ... Wie könnte ich, da die Welt mir unverständlich bleibt, mein eigenes Stück verstehen? Ich warte, daß man es mir erklärt.
Unser Stuhl-Fund dagegen scheint Sinn zu machen. Es ist schließlich Ostern. Da findet manches Kind ein Ei im grünen Nest. Auf den Stühlen sind auch Spuren von Grün.
Mit den Stühlen hat sich die Ansicht der Welt irgendwie verändert. Die Sonne scheint wärmer als zuvor, das Verbrechen hat sich hinter den Wolken versteckt! Alle Menschen lachen uns an. Autofahrer hupen und winken. Die Ampeln schalten sofort von Rot auf Grün, wenn wir die Straßen überqueren. Der zum Kunstmuseum umfunktionierte Hamburger Bahnhof ist ganz nah. Die Stühle steuern ihn fast von selber an..
Auf seinem Vorplatz lassen wir uns zum ersten Mal auf ihnen nieder. Das Handy bleibt stumm. Paris zeigt keine Reaktion. Schlimmste Ignoranz!
Wir wären bereit gewesen, sie abzugeben. Da fällt uns DON ein, unser Freund und Regisseur. Wir wissen, dass Stühle für ihn einen hohen Symbolwert besitzen und nicht selten in seinen Inszenierungen zum Einsatz kommen. Dramatische Requisiten neben endlos langen Tischen. Ist das Regie-Theater? -
Anruf an DON: “Kannst du für die Inszenierung von Tannhäuser noch zwei Stühle brauchen? Wozu? Wofür? Sie könnten als ein konstitutives Element für abwechselnde Positionswechsel im Venusberg dienen.
Wie? Blau-grau-grün entspricht nicht den Farben der Leidenschaft?
Würde die Tiefe des Raumes aufsprengen? Wie Eiskristalle zerspringen, wenn man sie zu grob anfasst? Nein, schon gut! Wir haben ja nur gemeint! Auf frohe Osterarbeit mit Wagner! Wir kommen zur Generalprobe!
Ja, ja! Vielleicht mit den Stühlen!”
Ab sofort gehen die Stühle in unser Lehen über! Es ist kein Besitzanspruch, den wir auf sie erheben, eher ein Mietverhältnis. Zwei Lehnstühle als Lehenstühle! Sie gehören uns nicht, sondern sind uns eher anvertraut.
Sie begleiten uns und kleiden uns gut! Fast Ton in Ton!
Die Garderobiere im Hamburger Bahnhof lächelt, als wir sie mitsamt unseren Mänteln und der Tasche abgeben. Wenn ein Bahnhof eine Kunstausstellung ist, kann auch ein Stuhl ein Garderobestück sein. Vielleicht hat Ionesco doch recht, wenn er meint, dass mitunter das Wirkliche unwirklich wirkt. Die Garderobiere schenkt uns einen Kaugummi.
Kaugummi kauend stehen wir vor Elvis. Die Hand am Colt sieht er aus, als käme er gerade aus Wildflecken in der Rhön.
Nicht weit entfernt davon entdecken wir das Anselm-Kiefer-Bild “Lilith am Roten Meer!” Wenn das DON wüsste. Hier vor uns Lilith dort vor ihm Venus. Und zwischen ihm in Wiesbaden und uns in Berlin die beiden Stühle. Unbefleckt wie Maria - die sich metaphysischerweise zwischen Lilith und Venus befindet - kamen wir in ihren Besitz. Da, wo man gerade nicht dem Gral sucht, findet man die wertvollsten Schätze! Sie kosten nichts und passen genau ins Leben. Wie ein lange gesuchtes Puzzlestück.
Die erste S-Bahn-Fahrt mit den Stühlen wird zu einem unvergesslichen Erlebnis. Bereits beim Durchschreiten der langen Gänge stellt sich Heiterkeit und Frohmut ein. Immer wieder bleiben die Blicke der vorbeieilenden Passanten an den beiden Objekten haften. Ein Schmunzeln da, ein unverständlicher Blick dort, ein verständnisvolles Lächeln, eine Geste oder eine witzige Bemerkung. Wie kurzweilig werden doch die zum Teil recht langen Laufstrecken, wie farben- und menschenfroh die dunklen Röhren. Kaum kommt einem von uns fragend der Zielbahnhof über die Lippen, zeigen uns die Passanten den Weg, erklären uns, welche Linie wir nehmen müssen und nennen das entsprechende Gleis. Wartezeiten am Gleis werden zu Kommunikationszeiten. Wir sitzen bequem auf unseren Stühlen und es scheint, als gelte das Motto: Wer steht, der geht gleich fort. Wer sitzt, der bleibt am Ort.
Kaum ist die S-Bahn donnernd eingefahren, spuckt sie einen breiten Schwall von Fahrgästen aus, der sich auf fast magische Weise vor uns teilt und sich nach links und rechts verflüchtigt, so dass wir ohne Geschubse und Gedränge per Stuhl einsteigen können. Das Feilschen und Streiten um einen Sitzplatz erübrigt sich. Dezent platzieren wir uns gleich hinter der Schiebetür mit dem schönsten Übersichtsblick auf den ganzen Waggon. So fahren wir durch die Großbaustelle Berlin, die einstige Nahtstelle zwischen Ost und West.
S-Bahnhofsvorplatz Hackescher Markt. Ein Zimmermann auf Wanderschaft.
Er wirft erst einen Blick auf uns und dann auf die Stühle. Er bleibt dort lange hängen, der Blick. Kennerblick! Schließlich geht es hier um Holz. Holz, immer nur Holz!
Er: “Gutes Holz! Solide Machart!”
Wir: “Sie möchten Platz nehmen?”
Er: “Ich komme aus Freiburg!”
Wir: “Der katholische Erzbischof thront wohl auf einem besseren Sessel?”
Er (schweigt).
Wir: “Möchten Sie Platz nehmen?”
Er: “Müde bin ich! Viel gelaufen die letzten Tage! (mit Blick auf die Stühle) Aber diese Schmiererei...”
Wir: “Das ist die Komposition der neuen Sachlichkeit im Berlin 2001.Stühle als vierbeinige Zeugen der Kunst.”
Er (zögert)
Wir: “Jede Hochkultur war auch eine Sitzkultur, lieber Freund. Gerade Sie als junger Tischler sollten das bedenken. Setzen Sie sich vertrauensvoll auf das Material Ihrer Profession.
Er (holt aus seinem schwarzen Anzug ein blütenweißes mit Schwarzwälder Spitzen besticktes Taschentuch heraus und legt dies auf den Stuhl.
Er setzt sich endlich!)
Wir (fotografieren ihn)
Er (macht einen kleinen Hüftschwung springt jäh auf)
Er (gibt ein vernichtendes Urteil): “Ausgeleiert, wacklig, aus den Fugen geraten, lebensbedrohend!”
Wir: “Das ist ein Spiegelbild Berlins. Symbolisch und real. Ein Diskrepanzerlebnis ganz elementarer Art: Bedrohliche Situationsfaktoren versus persönliche Bewältigungsmöglichkeiten. Entfremdende Erschütterung mit einem Gefühl von Hilflosigkeit einhergehend und schutzloser Preisgabe von Selbst und Welt.”
Er: “Berufsethisch gesehen müsste ich den Stuhl sofort leimen!”
Wir: “Niemand kann alles zusammenhalten, was ständig auseinandergeht!”
Er: “So scheint es zu sein. Auch ich muss jetzt gehen!”
Wie kurzfristig und brüchig sind doch die Begegnungen zwischen Menschen.
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