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... Zunächst war es nur ein kleiner Blutstropfen auf meinem weißen Kleid. Wo kam er her? Dann der helle Schrei, der die Mittagsstille durchriss. Bruno? Ein dumpfer Schlag neben mir im Gras. Bruno, mein Falke. Ein braunes Etwas. Ein Flügel ausgestreckt. An seinem Hals klaffte ein blutendes Loch. Ich wollte zu ihm eilen, doch meine Füße bewegten sich nicht. Oben in der Luft zwei Aare. Sie kreischten laut und flogen hinüber in den nahen Wald. Brunoooo!
„Schon gut, schon gut!“ Plötzlich hielt mich mein Bruder im Arm. „Es war nur ein Traum, Kriemhild. Wie schon so oft.“
Nein! Meiner Mutter wollte ich nichts verraten von diesem Traum. Träume sind nur herumflatternde Gedanken. Was konnte es schon bedeuten, dass zwei Aare meinen handzahmen Falken rissen! Die Gesetze der Natur sind grausam. Giselher, meinem Bruder, hätte ich den Traum anvertrauen können. Er war der einzige, der beim Tod unseres Vaters geweint hat. Alle anderen standen wie versteinert. Auch Mutter. Starr und bewegungslos standen sie da, als ob sie im Rückgrat den Stahl eines Schwertes trügen. Keine Tränen in den Augen, eher ein leichtes silbriges Funkeln. Aber Giselher fragte nicht nach meinem Traum, als er mich schreiend und schlaftrunken im Bett vorfand. Er drängte darauf, mit ihm hinunter in den Palas zu gehen.
„Schnell, schnell!“ Schon hob er mich hoch auf seine starken Arme.
Ich legte meine Hände um seinen Hals, schmiegte mich an seine weiche Haut.
„Mutter und Gunther haben etwas gefunden. Du wirst staunen.“
Schlagartig erwachte ich, als ich die Truhe sah. Ein schwarz-braunes Riesenmonstrum. Das alte Holz wurde von starken Eisenstreben zusammengehalten. Unterhalb der Deckelmitte hing ein schweres Schloss. Gunther hatte einen großen Schlüsselbund in der Hand. Auf dem Boden daneben lag noch einer. Ein Schlüssel nach dem anderen probierte er aus. Ungeduldig war der Blick meiner Mutter. Keiner passte.
„Wo ist das her?“
„Still, still!“ Mutters Stimme klang aufgeregt und schrill. „Immer dieser Ärger mit den Schlüsseln! Falsche Schlüssel, verbogene Schlüssel, fehlende Schlüssel. Seit Vater nicht mehr da ist, ist die Ordnung dahin. Nichts ist mehr so, wie es war. So ein Leid, so ein großes Leid ist diese Einsamkeit. Wo ist die Schulter, an die ich mich lehnen kann, wo die Hand, die mich hält? Giselher, geh deinem Bruder zur Seite! Warum stehst du immer nur herum und lässt ihn die Geschäfte besorgen? Ein Nichtstuer, ein Träumer bist du geworden!“
Da setzte Giselher mich ab, griff in mein Haar und löste daraus eine kleine Silberspange. Mein Haar fiel breit auf die Schultern.Ich schüttelte leicht den Kopf und artig glitt es den Rücken hinunter. Ein artiges Kind mit langen, schwarzen Haaren.
Mit seinen weichen, weißen Händen steckte Giselher die Silberspange ins Schloss und bewegte sie langsam hin und her. Sein Ohr ganz nahe am Geschehen. Als könne er den Mechanismus des Schließens ablauschen.Giselher hatte schon immer diese schönen Hände gehabt. Hände, die immer bereit waren, sich mir entgegenzustrecken - gebend, neckend, spielend, streichelnd.
Knack!
„Gunther?“
Verdammt, dachte ich, warum macht er nicht selbst die Truhe auf, sondern muss ihn erst fragen. Er war es doch, der ihr das Schließgeheimnis entlockt hatte. Eine Kopfbewegung Gunthers genügte, dass Giselher zur Seite trat. Ihm den Vortritt ließ. Und Mutter. Bescheiden wich er zurück, kam herüber zu mir, nahm meine Hand und zog mich in die Nähe der Truhe.
Gunther öffnete den Deckel. Er knarrte und ging nur ruckartig auf. Alle unsre Blicke starrten hinein. Oh unermesslicher Schatz! Schimmernd, blinkend, glitzernd. Mutter griff zielsicher nach einer kleinen Schriftrolle und übergab sie mir. Sie war versiegelt. „Für dich, Kind! Öffne sie!“
Die Röte schoss mir ins Gesicht. Ich erbrach das Siegel, entrollte das harte Pergament und las. „König Dankrat am Hofe zu Worms übereignet seiner Tochter Kriemhild, wenn sie in die Jahre gekommen, die Dinge, die sie in seinem Gedenken nutzen mag.“ Darunter eine lange Liste, die ich nur überflog.“ Ein Umhang, geschmiedet aus Silberringen. Ein Kopfschmuck. Ein goldener Kelch. Ein Diadem aus Rubin.
Eine Krone aus Gold, besetzt mit Alabaster ...“ - bis hin zur letzten Zeile „Der liebende Vater!“
„Vater!“ Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen traten. Mein Blick zu Giselher wurde erwidert. Gunther und Mutter standen starr. Keine Tränen in den Augen, eher ein leichtes silbriges Funkeln.
So funkelte das Silber, das Gold, die Edelsteine und Kleinodien, die Mutter und Gunther mit ihren Händen herausholten. Das kurze Totengedenken schlug sofort um in ein Freudenfest.
„Nimm, nimm!“, streckten sie es mir entgegen.
Da wurde auch Giselher lebendig, raffte mit seinen Händen mein Kleid und bat mich, es festzuhalten. Dann griff auch er in die Truhe und lachend, sprechend und singend legten, warfen und schmissen sie mir Stück für Stück in das Kleid. Für die Tochter, für die Schwester, für die Schönste, für die Beste, für die Kleinste, für die Feinste. Immer schwerer wurde der Geldsack vor meinem Bauch, das Gewicht zog mich fast zu Boden. Und immer noch warfen sie mir die Münzen zu, die Spangen, die ...
Da brach es aus mir heraus: „Bruno ist tot. Die Aare haben sich auf ihn gestürzt. Alles ging ganz schnell. Ich konnte ihm nicht helfen.
Mein treuer Falke!“
Und mit einem Schlag ließ ich den Stoff meines Kleides los. Klimpernd und funkelnd ergossen sich die Schätze auf dem Boden ringsum.
Mutter schrie auf.
„Sie hat geträumt“, lächelnd nahm mich Giselher in den Arm.„Sensibles Mädchengemüt. Ich sah den Falken heute morgen prächtig fliegen.“ Gunthers Stimme klang gereizt und mit einer Geste auf die am Boden liegenden Dinge sagte er: „Die Zeit der Träume und der Spiele ist vorbei. Hier, hier beginnt das Leben! - Dein Besitz, deine Zukunft.“
Mit einer raschen Bewegung löste ich mich aus Giselhers Arm. „Was meint das, ‚wenn sie in die Jahre gekommen‘?“
Die Brüder glucksten, warfen Mutter einen verstohlenen Blick zu. „Wenn die Minne eines Mannes dich umwirbt. Wenn du alt genug bist, dich einem Gatten anzuschließen! Gott gebe, der Traum bliebe ein Traum.“
Die Jahre, der Mann, die Minne, der Gatte. Am Boden der blendende Glanz, im Herzen ein pochendes Klopfen. Wumm, wumm, wumm. Mit einem Schlag schien es mir, als sei der Boden unter meinen Füßen weggezogen. Vertrautes Gelände der Kindheit. Spielwiesen, die jäh aufgerissen, plötzlich durchfurcht werden.
Draußen heulte jäh der Sturm, riss ein Fenster aus den Angeln. Blätter wirbelten herein. Lindenblätter des großen Baumes vor der Palastwand.
Grüner Schattenschutz, Gefährte meiner Kindheit.
„Es wird Herbst!“ Mutter schloss energisch das Fenster. „Zeit, langsam einzuheizen! Minnesänger lieben die Wärme!“
Sie ergriff den am Boden liegenden Brokatumhang und legte ihn mir um die Schultern. Und dann hob sie an, ihre Erinnerungen an die Minne zu schüren. Eine kleine Glut der Worte zunächst, dann loderten feurige Sätze. Leidenschaftliche Feuermetaphern sprühten Funken, erhellten den Raum. Beim geringsten Verebben ihres Wortschwalls legten Gunther und Giselher nach. So hatten sie sie lange nicht erlebt, so vergnügt, so verjüngt. Die Sängernamen hüpften wie Feuerzungen durch den Raum: Konrad, Heinrich, Otto, Rudolf, Gottfried, Wernher, Eberhard ...
Gunther ergriff ein Haargeschmeide, setzte es Mutter auf den Kopf, kniete vor ihr nieder und fing zu singen an: „Herrin, ich bin krank, mein Herz ist wund. Herrin, wer hat das getan? Die Augen mein, dein roter Mund! Herrin, blick auf meine Not, eh‘ mir das Leben schwinden tut.“ Ulrich, Burkart, Hesso, Walter....
Bis der Name Dankrat im Raum stand. Der Name des Vaters.
Da erlosch das Feuer. Da klangen die Worte der Mutter, als seien sie mit Asche belegt. „Wenn die Freuden der Minne verebben, zieht die Einsamkeit in die Kammer.“
Sie kam in die Ecke, in die ich mich zurückgezogen hatte, nahm meine kalten Hände in die ihrigen, die noch heiß glühten. In den Augen Tränen, die Stimme nur noch wie ein Windhauch, der die letzte Glut zum Verglühen bringt „Wie alle Lust am Ende ja immer Leid nur hinterläßt.“
„Ich will keinen Mann, wenn das so ist!“ sagte ich. „Die Männer sterben. Draußen auf dem Feld - in der Schlacht, im Krieg.“
„Was weißt du schon vom Krieg, Kind?“ gab sie leise zurück.
Dann hoben meine Brüder an, von diesen anderen Brüdern zu sprechen. Den königlichen Brüdern. Den feindlich gesinnten Brüdern. Von Lüdegast aus Dänemark und Lüdeger aus dem Sachsenland. Die unser Land einnehmen wollen mit Heeresmacht. Brüder, die gegen Brüder kämpfen?
Mutter ließ mich zurück in meiner Ecke. Und während die von mir ausgesprochenen Worte ‚Ich - will - keinen - Mann‘ hundertfache Wellen schlugen, untertönt von dem wumm, wumm, wumm meines Pulsschlages, während erneute Windböen die Fenster zum Klirren brachten, schritten Mutter, Gunther und Giselher das Parkett ab, durchzogen es mit Ausdrücken, die wie Schwerthiebe durch die Luft pfiffen - Lüdegast - durchstampften es mit Eisenschuhen, gedeckt hinter dem Schirm ihrer Schilde - Lüdeger, Angriff - Lüdegast, Streit
- Lüdeger, Kampf - Lüdegast, Krieg - Lüdeger! K r i e g ! Krieg der Brüder! K r i e g! ! Gegen meine Brüder!
K r i e g!! Brüderkrieg!! Ich hielt mir die Ohren zu! ...
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