Getragenwerden und Gehaltensein als tröstender Beziehungsraum

Eine psychoonkologische Begleitung
für Krebspatienten, Angehörige und Betreuer

Dietlinde Baldauf/Birgit Waldenberger
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3. Auflage 2011, 88 S. Kart.;
Printausgabe 9783938580066
€ 16,90 (D)

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9783938580325; € 9,90
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9783938580547; € 9,90
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Eine Krebserkrankung erfasst den Menschen als Ganzes in seiner körperlichen, seelischen und geistigen Existenz. Sie stellt die bisherige Identität infrage und wandelt die Betroffenen ungefragt, mitunter bis zum Sterben. In diesem Ringen stellen sich Fragen nach Woher und Wohin, nach dem, was Halt gibt und tröstet.

An konkreten Situationen aus der Praxis reflektieren die Autorinnen mit einfühlendem Verstehen die inneren Bewegungen und Bewegtheit, die Gedanken und Fragen der an Krebs Erkrankten. So eröffnen sich Wege, sich mit dem Leidenden zu verbinden, und es finden sich Worte für Erfahrungen, für die wir meist keine Worte haben.

   
DAS GEFÜHL DER EINSAMKEIT

Selbst im alltäglichen Sprachgebrauch kennen wir Einsamkeit als einen den ganzen Menschen erfassenden Zustand. Im Inneren des Menschen und in den Beziehungen greift Leere um sich. Die vertrauten Anbindungen der Betroffenen lockern oder lösen sich auf. Zugehörigkeit und Aufgehobensein gehen verloren, das Gefühl verlassen zu sein, steigt auf. Die gewohnten Konzepte von sich selbst, der Umwelt und dem eigenen Platz in der Welt weichen einem Dasein im unvertrauten Universum mit nicht verlässlicher Leiblichkeit. Das Leben bietet weder sinnvolle Anknüpfungen noch brauchbare Anhaltspunkte.
Der existenziell Einsame wirkt weit entfernt und unerreichbar, saft,- kraft- und tonlos, abgetrennt und ohne merkbare Schwingung. Dies wird besonders deutlich, wenn er den Raum verlässt. Einsamkeit breitet sich langsam aus und teilt sich beim Weggehen fühlbar mit, wird geradezu als Atmosphäre zurückgelassen. Hängende Schultern und schwerer gedämpfter Gang fallen auf. Existenzielle Einsamkeit wird selten direkt benannt. Deshalb kann das Gegenüber sie nur über Einfühlung und indirekt über das Aufnehmen und Beachten der beschriebenen Zeichen erschließen.
Hilfreich für den existenziell Einsamen ist ein beständiges, nicht bedrängendes Gegenüber, das sich verhält, als sei Wiederanknüpfung bereits gelungen. Es kommt darauf an, im musikalischen Sinne die richtigen Töne zu treffen (Frequenz, Ausmaß, Klangfarbe, Rhythmus) und anzuspielen.
Diese sind nicht nur von Person zu Person sehr unterschiedlich, sondern auch von Begegnung zu Begegnung immer wieder anders.

Einsamkeit geht zuweilen einher mit den existenziellen Gefühlszuständen des Verlorenseins, des Niedergeschlagenseins, der Hoffnungslosigkeit und des Schmerzes.


Dazu Ausschnitte aus der Reflexion der Autorinnen:

D: Immer wieder, wenn ich zu einem sterbenden Menschen gerufen werde, fühle ich, dass in besonderem Maße meine Präsenz gefordert ist. Folgende Fragen beschäftigen mich: Was wirkt sich störend oder hinderlich auf den Prozess aus, in dem sich ein Sterbender befindet? Wie und was muss ich als Gegenüber sein? Dabei werde ich innerlich aufgeregt und nehme schon im Vorfeld oft eine Atmosphäre von Verletzlichkeit und Dünnhäutigkeit wahr.
B: Allgemein gesagt kann unbewältigte oder unbewusste Angst auf Seiten des Sterbebegleiters sehr hinderlich sein. Hiermit ist nicht die Angst gemeint, die aus dem Prozess natürlich entsteht, wie es auch dein Aufgeregtsein tut, und die ihren Sinn in der aktuellen zwischenmenschlichen Beziehung oder im Erleben des Sterbenden hat. Sie ist ihrem Wesen nach eine einfühlende Resonanz.
Wenn ich von hinderlicher Angst rede, meine ich die Angst des Helfers, der unter Umständen (innerlich und äußerlich) unfreiwillig oder unvorbereitet zum Sterben dazukommt oder grundsätzlich mit der Situation des Sterbens Probleme hat. Möglicherweise hat der betreffende Helfer selbst bewusst oder unbewusst starke Bewältigungsstrategien gegen diese seine Angst entwickelt.
Wenn ich mich im Grunde genommen vor dem Sterbenden fürchte und ratlos bin angesichts der Situation des Sterbens und zusätzlich eine starke aktive Bewältigungsstrategie gegen meine persönliche Angst entwickelt habe, kann das fatal werden. reinlesen


Die Autorinnen:
Baldauf, Dietlinde Psychotherapeutin (Integrative Gestalttherapie, Systemische Familientherapie, Psychoonkologie, Initiatische Therapie), Sozialarbeiterin, langjährige Leiterin der psychosozialen Krebsberatungsstelle Krebshilfe Vorarlberg
Dr. Waldenberger, Birgit: Klinische und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin (Integrative Gestalttherapie, Systemische Familientherapie), Intuitionsschulung, Supervisorin mit Leitungserfahrung, freie Praxis. www.waldenberger.net
Beiträge v. Dr. Birgit Waldenberger:" Gartenzwerg und Engelsgestalt, auf jeden Fall mein Innerstes" (mp3-Datei) kostenfrei